Ausstellung

Horizonte

Qiu Shihua | Leiko Ikemura | Kimsooja | Evelyn Taocheng Wang | Yu Duan

21. Oktober 2022 bis 10. April 2023

Horizonte präsentiert markante Positionen zeitgenössischer, international bekannter Künstler*innen aus China, Korea und Japan an der Schnittstelle zwischen fernöstlicher und westlicher Kunst. Auf dem Programm stehen Arbeiten von Leiko Ikemura Qiu Shihua, Evelyn Taocheng Wang, Kimsooja und Yu Duan.

Die ausgewählten Künstler*innen entstammen den drei ostasiatischen Ländern, China, Korea und Japan, die das MOK vertritt. Sie schöpfen aus ihrer Jahrhunderte alten Tradition, die Teil ihrer Identität ist. Entsprechend werden in der Ausstellung einzelne Werke alter Kunst aus Museumsbestand ihren Arbeiten kontrapunktisch gegenübergestellt. Der Einfluss westlicher Kunst auf China, Korea und Japan hat die Tradition keinesfalls beseitigt, sondern im Zuge der Globalisierung zu neuer Entfaltung und Weiterentwicklung herausgefordert. Die genannten Künstler*innen haben die Grenzen ihrer kulturellen Herkunft überschritten und Werke geschaffen, die in die Konzepte moderner westlicher Kunst hineinragen.

Die in der Ausstellung präsentierten Positionen sind ein Beweis für die vitale Kraft und die kreative Eigenständigkeit ostasiatischer Kunst. Stets aufs Neue schöpft sie aus dem reichen Schatz ihrer Tradition und gelangt zu beeindruckenden Neu-Erfindungen, Wieder-Entdeckungen und Um-Deutungen. Auf der internationalen Bühne spielt die zeitgenössische Kunst Ostasiens eine immer wichtigere Rolle.

Die teilnehmenden Künstler*innen:

Qui Shihua
Qiu Shihua, Ohne Titel, Öl auf Leinwand, 91 x 152 cm, 2007. Courtesy of Galerie Karsten Greve Cologne, Paris, St. Moritz © Qiu Shihua. Foto: Christoph Münstermann, Düsseldorf

Qiu Shihua ist Taoist. Für ihn ist die Leere, das bewusst nicht Definierte und in ständigem Wandel Begriffene der eigentliche Kern seiner Kunst. Im Westen wurden seine Bilder in den Zusammenhang des "White painting” und der minimalistischen Konzeptkunst gestellt, aber auch mit William Turner und der Malerei der Romantik in Verbindung gebracht. Tatsächlich hat Qiu sich intensiv mit der westlichen Malerei beschäftigt und sich durch sie inspirieren lassen. Die Wurzeln seines Schaffens liegen jedoch in der taoistischen Leere oder dem Konzept der grenzenlosen, pulsierenden Energie (qi) des großen Einen, welches wir als „Welt“ bezeichnen. Sobald sich der Betrachter auf die Bilder einlässt, beginnen die leeren Flächen in vielfältigen Nuancen von Weiß zu vibrieren, schemenhaft tauchen versteckte Landschaftselemente aus dem nebeligen Dunst auf.
Qiu Shihua arbeitet bevorzugt im Querformat, das dem Format der traditionellen Handrolle entspricht, von ihm jedoch auf die große Dimension der Wand projiziert wird. Seltener sind hochrechteckige Hängerollenformate, in denen die Bildelemente wie in der traditionellen Malerei in horizontalen Schichten übereinander gelagert werden.

Die dem Literatenmaler Wen Zhengming (1470-1559) zugeschriebene Hängerolle aus Museumsbestand (A 64,5) macht mit ihren meisterlichen Tusche-Lavierungen und Nebelzonen den hohen Stellenwert der monochromen chinesischen Tuschmalerei für Qiu Shihuas Arbeit deutlich. Wie in der traditionellen Malerei versetzt Qiu den Betrachter in die Vogelperspektive, durch die der Blick ins Unendliche geweitet wird, während das Auge gebannt die Bildfläche durchwandert. In der Literatenmalerei ging es nie darum, die Wirklichkeit abzubilden. Der lyrisch-skizzenhafte, auf das Wesentliche konzentrierte Ausdruck von Stimmungen, Atmosphären und kosmischen Energien oder Gefühlen war das eigentliche Ziel.

Leiko Ikemura
Leiko Ikemura, Usagi Greeting, Bronze patiniert, Höhe 121 cm, 2021
Courtesy Michael Dannenmann © Leiko Ikemura / VG Bildkunst, 2022

In den Plastiken von Leiko Ikemura spielen Höhlen, Hohlräume und Öffnungen, aber auch die Haken schlagenden Hasen eine zentrale Rolle. Dies bezeugt die monumentale Bronzeplastik des Hasen-Bodhisattva (Usagi Kannon) im Museumsfoyer. Das nachdenkliche, Gesicht der in der Ausstellung gezeigten Usagi Kannon korrespondiert mit der Idee der Elfköpfigen Kannon des 12. Jahrhunderts aus altem Museumsbestand. Die elf Köpfe in der Krone der Figur verkörpern mit ihren verschiedenen Gesichtsausdrücken (Zorn, Mitleid, Strenge, Freundlichkeit, Gelassenheit, Trauer, Nachdenklichkeit usw.) die Überzeugungsmittel, die dem elfköpfigen Bodhisattva im esoterischen Buddhismus Japans zugeschrieben werden. Die freundlichen Gesichter stehen für den erstrebenswerten Weg der buddhistischen Erleuchtung, während die zornigen und nachdenklichen Gesichter die Unwissenheit manifestieren, die von der Erleuchtung und dem Nirvana (Verlöschen) abbringt. Die hohlen, liegenden Plastiken von Ikemura greifen das Thema der Vergänglichkeit und des Verlöschens auf. Ikemura selbst spricht von den hohlen Figuren als „memento mori“ („Sei Dir des Todes bewusst“).

Ikemuras Horizontbilder stehen für geistige Landschaften oder „Mindscapes“, die inhaltlich und kompositorisch das Konzept der japanischen Landschaftsmalerei aufgreifen. Nicht nur in ihren Horizontbildern, auch in den keramischen Plastiken von Berggeistern offenbaren sich imaginäre, innere Welten der Künstlerin.

Evelyn Taocheng Wang
Evelyn Taocheng Wang, False Poster, Öl und Bleistift auf Leinwand, 150 x 150 cm, 2020
Courtesy Antenna Space, Shanghai; Carlos/Ishikawa, London and Galerie Fons Welters, Amsterdam. © Gert Jan van Rooij

Evelyn Taocheng Wang bezeichnet sich als chinesische Literatenmalerin des 21. Jahrhunderts. Ihre nackten, schmucklosen langen Papierbahnen, die sog. “naked scrolls”, greifen die Idee der traditionellen chinesischen Querrolle auf, die als früheste chinesische Buchform gilt. Malerei und Text alternieren. Zum Schutz verstärkte man Querrollen mit Papier und dekorativen Stoffbahnen.

Die beiden japanischen Querrollen aus Museumsbestand erzählen detailgenau und in leuchtenden Farben eine fantastische Legende über die ursprünglichen Manifestationen der buddhistischen Schutzgottheit Bishamon. Es handelt sich um die früheste erhaltene illustrierte Version, die zugleich ein herausragendes Beispiel professioneller Studiomalerei ist. Zunächst wurde eine hauchdünne, präzise Linienzeichnung (baimiao) auf das Papier gesetzt, anschließend füllte man die Flächen mit fein gradierten opaken Mineralfarben aus.

In ihren „nackten Querrollen“ konfrontiert Evelyn Taocheng Wang den Betrachter mit den Themen einer weiblichen chinesischen Intellektuellen des 21. Jahrhunderts. Dabei setzt sie alle Malstile meisterlich ein, sowohl die Methoden der professionellen, realistischen Studiomalerei, wie die des Tuschespiels im Stil der Literaten und Gelehrten. Sie kommentiert ihre Bilder durch Beischriften, Zitate, Literaturhinweise und rote Siegelabdrücke. Häufig geben ihre Bilder Einblick in die Wahrnehmung Europas aus den Augen einer chinesischen Intellektuellen des 21. Jahrhunderts. Zu Wangs bevorzugten Themen zählen die Fragen weiblicher Identität sowie der offenen, oder subversiven Gewalt gegen Frauen.

Evelyn Wangs Hängerollen mit selbst genähten Montierungen, besonders ihre kalligrafischen Arbeiten in europäischer Schrift sind voll hintergründiger Ironie. In der Serie „Quoted Elegance“ heißt es in lakonischen, schlichten Buchstaben: "She was the perfect 50ies wife to a respectable man (a judge)” (Sie war die perfekte Ehefrau in den 50ern eines angesehenen Mannes (einem Richter)).
Wie in den traditionellen Steinabreibungen stehen die weißen Buchstaben vor schwarzem Grund, als handele es sich um eine in Stein gemeißelte Steleninschrift, die durch Auflage eines feuchten Papiers mit einem Tusche- getränkten Tampon abgerieben wurde. Diese Form der Vervielfältigung kanonischer Texte bildete sich bereits im 2. Jahrhundert n.Chr. heraus.
Wangs Kalligrafie wird von einer primitiven, selbstgenähten Montierung aus alten Lappen und Stoffresten gerahmt, die das Märchen von der glücklichen, „perfekten Ehefrau“ lügen straft. Auch die Abdrücke von Wangs rustikalen, selbst geschnittenen Namens- und Motto-Siegeln zeugen von Humor und Selbstironie. Ihre Werke sind eine radikale Neuerfindung der chinesischen “Literatenkunst”, die in China stets als unangefochtene Domäne männlicher Kreativität galt.

Kimsooja
Kimsooja, Deductive Object, Installation mit zwei Baguettewagen, 14 Bottaris und einem separaten Bottari, 2007
Foto: Simon Vogel © Kimsooja, Courtesy: The artist and KEWENIG, Berlin

In den Bottari-Installationen von Kimsooja begegnet der Betrachter den typischen Gepäckballen und Stoffbündeln, mit denen die Landbevölkerung Koreas noch heute auf dem Moped oder per Kleintransporter unterwegs ist.
In den 1990er Jahren entdeckte Kimsooja die farbenprächtigen traditionellen Hochzeitsdecken mit klar konturierten eingewebten Glückssymbolen (Phönix, Drache, Kranich, Lotos usw.). Aus den Stoffen knotete sie Bündel (bottari), die in ihren Installationen das vielfältige „Gepäck“ symbolisieren, das jeder Mensch bewusst oder unbewusst mit sich führt. Im Kontext ihres Videos „Bottari Truck“ stehen die Bündel für Heimatlosigkeit, Migration und weibliches Nomadentum, zugleich werfen sie die Frage nach Identität in der globalen Welt auf.

Den kostbaren Geschenkkasten für eine Hochzeit aus Schwarzlack mit Perlmutt- und gefärbten Horneinlagen des frühen 15. Jahrhunderts schmückt ein gegenständiges Phönixpaar als Symbol für Eheglück. Die lebendige, kraftvolle Wiedergabe der Vögel sowie der Blüten und Bordüren erinnert an die farbenprächtigen Motive der Bottari. Sie zeugen von dem für die koreanische Kunst charakteristischen vitalen, selbstverständlichen Umgang mit kontrastierenden Symbolen, die zwar stilisiert, aber doch auf natürliche, ungezwungene Weise gruppiert und gesetzt werden.

Yu Duan
Der neugeborene Buddha und neun
Drachen, 26 x 39 cm © Yu Duan

Yu Duan hat sich während ihres Studiums in London mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur beschäftigt. Die kleinen, liebevoll angelegten Gärten Londons zeugen von der Sehnsucht ihrer Eigentümer nach einem Refugium inmitten der urbanen Welt. Yu Duan nahm Kontakt zu den Gartenbesitzern auf, gewann ihr Vertrauen, interviewte und fotografierte sie. Ihr Ziel war es, die charakteristische Eigenart der Gärten und ihrer Gärtner darzustellen. In manchen Fotografien wirken die Gartenparadiese wie eine Kulisse der Selbstdarstellung, in anderen wiederum wie ein schützendes Versteck.

Die Idee des Gartens als paradiesischem Rückzugsort spielt auch in der traditionellen chinesischen Porträtmalerei eine zentrale Rolle. Dies bezeugt das Idealporträt des berühmten Dichters Tao Qian (365-427) aus einem Album des 17. Jahrhunderts. Tao kündigte seinen Beamtenposten und zog sich in seine Heimat zurück, wo er sich der Dichtung, dem Wein und der Chrysanthemenzucht widmete.
Das Porträt des Wu Yihan ist in das Jahr 1689 datiert. Der Maler präsentiert den Literaten mit den typischen Attributen von Bildung und Anspruch auf geistige Freiheit: Wu trägt eine taoistische Kopfbedeckung, die Zither (qin) ruht auf seinem Schoß, ein Diener wartet ihm auf. Wasserfall und Kiefernrauschen evozieren die musikalische Inspiration, die der Gelehrte aus der kosmischen Natur empfängt.

In deutlichem Kontrast zu den urbanen Gärten Londons stehen die Fotoarbeiten, in denen die Künstlerin das „versteckte Grün“ in den ländlichen Regionen der Provinz Yunnan aufgetan hat. Ihre eigenwilligen Aufnahmen des beiläufigen, oder unbeachteten Grün, das die Menschen alltäglich umgibt, aber auch die künstlich konstruierten Paradiesgärten zeugen von großer Einfühlung, Offenheit und subtilem Humor.

Mit freundlicher Unterstützung

Qiu Shihua, Leiko Ikemura, Evelyn Taocheng Wang, Kimsooja und Yu Duan. 

Galerie Karsten Greve, Köln/Paris/St. Moritz; Antenna Space, Shanghai; Carlos/Ishikawa, London, Galerie Fons Welters, Amsterdam, Galerie Kewenig, Kimsooja Studio sowie Michael Dannenmann, Julia Mullié, Nick Terra und weiteren privaten Leihgeber*innen.

Unterstützt von

Fördererkreis des Museums für Ostasiatische Kunst Köln

Orientstiftung zur Förderung der Ostasiatischen Kunst

 

Kampagnenmotiv:

Kimsooja, Cities On The Move – 2727 km Bottari Truck – Migrateurs, 2007, Video Still, 9.17 Min. Loop, ohne Audio © Kimsooja, Courtesy: The artist and KEWENIG, Berlin

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Öffnungszeiten

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1. Donnerstag im Monat
11-22 Uhr (ausgenommen Feiertage)
am 1.1., 24., 25. und 31.12 eines jeden Jahres geschlossen, geöffnet am 2. Weihnachtsfeiertag, Ostermontag und Pfingstmontag.
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Eintrittspreise

€ 9,50 / ermäßigt € 5,50

KölnTag jeden ersten Donnerstag im Monat (Feiertags ausgenommen): freier Eintritt für alle Kölnerinnen und Kölner (mit Nachweis)
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Anfahrt

Öffentliche Verkehrsmittel: Straßenbahn Linien 1 und 7 sowie Bus Linie 142 bis Haltestelle „Universitätsstraße“
Parkplatz am Museum
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Barrierefreiheit

Das Museum ist Barrierefrei. Behindertentoilette vorhanden.
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Museum für
Ostasiatische Kunst Köln
Universitätsstraße 100
50674 Köln
Kasse 0221.221-28617
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